Einführungsrede zur Ausstellung von Prof. Horst Sauerbruch …am 16.09.2018

Wie anfangen?

So…wie anfangen?

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Horst, diese Frage ist natürlich Ausdruck meiner Verunsicherung hier vor so viel Leuten, aber sie ist auch der Titel meiner kleinen Einführung in die Arbeiten von Horst Sauerbruch.

„Wie anfangen?“ diese Frage stellt sich dem Maler Horst Sauerbruch wieder und wieder, jahrelang (so auch der Titel dieser Ausstellung), aber er kann nicht lassen vom Reiz des Anfangs. Auch und gerade weil es wieder so schwer wird.

Was macht den Anfang so schwer? Wenn ich mal von mir ausgehe, dann sind es vor allem die Erwartungen und Ansprüche, die sich wie ein unbezwingbarer Berg vor einem auftun. Horst Sauerbruch ist in eine besondere Melange solcher Erwartungen hineingeboren. Da ist dieser Name, durch den berühmten Großvater im Guten wie im Schwierigen aufgeladen. Und diese Ikone Ferdinand Sauerbruch hatte die höchsten Ansprüche, auch und vor allem an die eigenen Kinder. Besonders hat sein Sohn Hans darunter gelitten, Horst Sauerbruchs Vater, der sich dem vorgezeichneten Weg zum Mediziner verweigerte. Was ihm geholfen hat, seinen eigenen Anfang zu wagen, war die Malerei. Er wollte Maler werden und tat damit genau das, was der Vater unbedingt verhindern wollte. Denn das Malen ist eine halbscharige Gschicht, wie man in Bayern sagt: Die Scholle wird zwar mächtig angepflügt, aber mit dem Umsatz ist es halt immer schwierig.

So erlebte Horst Sauerbruch als Kind hautnah, dass wer vom Apfel der Kunst gebissen hat, allzu schnell aus dem Paradies des gepflegten Bürgertums vertrieben wird. Wenn man sich die Farben vom Mund absparen muss und zudem noch eine Familie zu versorgen hat, dann werden die Ansprüche übermächtig. Die permanente Angst zu versagen umzingelt den freien Anfang, der für ein Gelingen von Bildern so wichtig ist.

Es ist gewissermaßen typisch, dass sich im Schatten dieses Ringens mit den Erwartungen und Ansprüchen der Über-Ichs, der Väter, Bürger und Bilder, das im Atelier des Vaters ausgetragen wurde, ein Unfall ereignen muss, dessen Spätfolgen wir hier bewundern können.
Denn während die Eltern ihren aufreibenden Kampf mit dem Alltag kämpfen, lassen sie die Kinder für einen Moment aus den Augen. Hauptsache sie sind ruhig und spielen. Aber genau betrachtet ist gerade dieses ungewöhnlich stille Spielen am gefährlichsten. Denn ruckzuck werden mit dem Inhalt der Windel die großartigsten Wandbilder geschaffen.

Ob ein solcher Unfall stattgefunden hat, weiß ich nicht, aber Horst Sauerbruch hat mir von einem Schlüsselerlebnis berichtet, das eine ähnlich spielerische Lust in ihm geweckt hat, die seine Bilder bis heute trägt.
Er wollte wie der Vater malen, war fasziniert von Farben, von Linien und Flächen. Die mühsam aufgezogenen Leinwände waren natürlich tabu und für die nötigen Unterweisungen war es noch viel zu früh. Also gab ihm der Vater ein altes Brettchen, damit er endlich seine Ruhe hatte. Und nachdem er den altersgemäßen Pelikankasten verschmäht hatte, auch einen Rest roter Ölfarbe. Horst Sauerbruch nimmt das Brettchen, setzt den Pinsel darauf, verschiebt den zähen Farbbrei auf der rauen Oberfläche und zieht eine schlangenförmige Linie. Da war er schlagartig da, dieser lustvolle Impuls, den sein Vater nebenan vor der weißen Leinwand erzwingen wollte.

Das Faszinosum dieses Anfangs ist das Thema von Horst Sauerbruchs Bildern, die nicht zuletzt deshalb immer wieder auch auf billigen Pappen, Sägeabschnitten und Brettern entstehen.
Da ist ein Ding, eine Oberfläche, ein Material, das in einem unbeobachteten Moment seine festgefügte Form und Funktion verliert. Da ist Farbe, eine Substanz ähnlich einer Medizin. In der Flasche ist sie unscheinbar, aber in Fläche und Raum hat sie eine transzendierende Wirkung.

Und schließlich ist da der Körper mit seinen disparaten Kräften. Wir sind heute davon abgekommen, uns den Köper als Einheit, als Organismus, als eingegrenztes Volumen vorzustellen. Im Grunde ist der Körper so was wie unser Deutschland. Ein Konglomerat von vielen Individuen mit eigenen Zentren und Vergangenheiten, verbunden durch undurchsichtige Netzwerke und Interessen. Der Körper bildet und zersetzt sich zwischen Kräften, Reaktionen, Substanzen, Lüsten, Ängsten, Codes, Normierungen, Mutationen, Schwärmen ohne Innen und Außen. Er wird durchzogen von anderen Körperschaften, von Praktiken und Kulturen, von Geschichten und Befehlen. Der Körper ist wie ein Staat in Zeiten von Globalisierung und Pluralismus.

Der Körper ist ein Prozess, der sich in der Interaktion erst erfährt. Und die Interaktion im Atelier ist die zwischen dem unbeobachteten Brettchen, der Potenz der Farbe und all diesen Energien, die für einen Augenblick zur Geste werden.

Es ist ein Moment der Identität, den ein Bild im besten Fall erinnern kann. Er verflüchtigt sich gerade dann, sobald wieder identifiziert wird. So gesehen ist dieser Moment auch abstrakt in dem Sinn, dass er vor der Vergegenständlichung liegt.
Es ist der Moment, wenn der Neandertaler seine mit Farbe bestrichene Hand auf die Höhlenwand drückt und sich als gegenwärtigen Körper erfährt.

Wir wissen jetzt genauer, was diese widerstrebenden Kräfte sind, die den Anfang so schwer machen. Es sind die Verfestigungen, die falschen Identitäten, die festgehaltenen Bilder, die immer mehr werden und uns erdrücken. Ängste lösen diese Blockaden aus und es gibt nur wenig, was uns wieder in Schwung bringen kann.

Die Bilder von Horst Sauerbruch haben diese Kraft, weil er sich jedes Mal, wenn er selbst in die Blockade kommt, wieder an den spielerischen und lustvollen Moment erinnert, als das Brett zu seinem Bild wurde.
Es war ein Unfall, ein Zufall, der etwas in Bewegung gebracht hat. Die Kunst beginnt erst dann, wenn man weitermalt. Wenn man die Leichtigkeit wieder verliert, sich immer weiter verrennt in seine Bilder. Wenn es mehr und mehr Bilder werden, man sich wiederholt und selbst kopiert. Wenn immer mehr Ende und immer weniger Anfang zu spüren ist. So wird aus der einen Schlangenlinie ein Oeuvre, eine faszinierende vielgestaltige Geschichte.

Wenn sie offen an die hier gezeigten Bilder herantreten, werden sie diese Geschichte erfahren können, die letztlich noch immer aus der Schlangenlinie auf dem Brettchen fließt.

Besonders deutlich wird das bei den Zeichnungen, für die Horst Sauerbruch bevorzugt den Füller zum Einsatz bringt. Aus dem Fluss der Tinte entstehen mannigfaltige Notationen und Partituren. Der Vergleich mit der Musik ist besonders augenfällig. Man entdeckt rhythmisch sich wiederholende Punkte und Linien, Gitter geben den Motiven Halt wie ein basso continuo. Und dann gibt es wie Melodien fließende Linien. Oft wenn Professor Sauerbruch mit den Studenten unterwegs war und man eben auf den Bus warten musste, klappte er sein Skizzenbuch auf oder rollte einen Bogen Papier aus und begann eine dieser Notationen, die oft von Landschaften inspiriert sind, ohne diese abzubilden. Es geht ihm auch hier um den unbeaufsichtigten Moment, in dem sich Bilder am besten ereignen.

Auch bei den größeren Leinwandarbeiten stehen solche schriftartigen Notationen am Anfang, das „Schreiben von Bild“, wie es Horst Sauerbruch nennt. Sie zählen sozusagen das Bild an, geben ihm eine Struktur, ein Horizont, in den hinein sich die Farbe ereignen kann. Die Farbe ist auch eine Setzung, sie bildet auch einen Rhythmus, einen Duktus, aber sie hat ein besonderes Eigenleben. Sie tropft und rinnt, sie leuchtet oder tritt zurück, sie bildet Flächen und schafft atmosphärische Räume. Farbe ist immer auch ein Risiko und es bereitet Horst Sauerbruch eine besondere Lust, an die Grenzen zu gehen. Wie lange bleibet das Bild ein Bild? Wann stürzt es ab? Wann kann sich das Bild behaupten und der Künstler sich zurückziehen? Oft malt er an zehn Bildern gleichzeitig, lebt und leidet mit ihnen. Nach Phasen des intensiven Malens bricht der Fluss ab. Nichts gelingt mehr und das Malen an sich scheint keinen Sinn mehr zu machen.

Wie anfangen?

Wieder einmal steht Horst Sauerbruch vor der leeren Leinwand und zweifelt an sich, zweifelt an der Malerei, zweifelt am Bild. Und da sieht er aus den Augenwinkeln seinen damals noch kleinen Sohn Maximilian, wie er mit einem prall mit Farbe gefüllten Pinsel ein Stück Wellpappe berührt und mit unverschämter Lust einen langen schlangenförmigen Strich zieht.

Erinnern Sie sich in dieser wunderbaren Ausstellung zusammen mit Horst Sauerbruch an das Faszinosum des Anfangens, das einen überfallen können muss.

Gerhard Schebler – Bad Aibling 160918

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Einführung zur Ausstellungseröffnung „Fritz Harnest“ am 11. März 2018

Fritz Harnest:  Er zählte sich selbst zum „informel“, einer Bewegung nach 1945, aus Frankreich kommend, die den gewohnten starren Kunstformen das Fließende und Spontane entgegen setzte. Vor 19 Jahren ist er gestorben: Dazu passt  das Jubiläum nicht  mit starren 20, sondern eben mit den fließenden 19 Jahren. Also eine Jubiläumsausstellung!

Meiner Sympathie zu besonderen Schülern (für Lehrer grenzwertig) verdanke ich meine Begegnung mit dem Werk von Fritz Harnest. Die Sympathie ist (im vorliegenden Fall) nicht einseitig geblieben – und so wurde ich vor etwa 35 Jahren Gast im Hause Harnest. Und durfte seit dem immer wieder an Großvaters – und Vaters – Werk teilhaben.

Die Biografie, eine kunsthistorische Einordnung und Würdigung – damit kann und will ich in der knappen Zeit nicht dienen.

Fritz Harnest war zweifellos ein rundum gebildeter Humanist. Drei Aspekte spielen dabei in seinem Werk eine tragende Rolle:

  1. die Musik,
  2. die Natur,
  3. die Literatur.
  4. Fritz Harnest und die Musik:

Harnest war auch Pianist, spielte Hindemith und Schönberg – und verehrte Messiaen, den großen Klavier- und Orgelkomponisten.

„Anklingend an Messiaen“ von 1955 (Nr. 1 hier in der Ausstellung) Weitere Arbeiten dazu heißen z.B. „Zu Orgelimprovisationen von Messiaen“ und „Ausklingen“.

Vom Klang der Farbe – das war der Titel der Ausstellung 2007 in Prien.

Klang der Farbe: diesen Begriff  dürfte als erster Kandinsky in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ 1912  kreiert haben. Der summte beim Farbenmischen, um den richtigen Farb-Ton zu treffen. Fritz auch?

Der wichtigste Lehrer an der Münchner Akademie der Bildenden Künste ist  Karl Casper (1937 bei den „Entarteten“ im Haus der Kunst). Sein stärkster Impuls: klar leuchtende Farbflächen; „da geht es malerisch auch einmal großspurig zu“ (biografischen Bemerkung) – da wächst der eben 17 gewordene hinein.

Eine Art Paten sieht Harnest in einem anderen Farb-Künstler: Emil Nolde: 1934 Besuch – dann Briefwechsel bis 1937. Von Nolde bekommt er die kompetente Anerkennung:

„Kunst ist Kampf und Arbeit und Ringen. Wir freuen uns so, dass Sie arbeiten und es wissen, eine wie ernste Sache die Kunst ist und was sie alles von demjenigen verlangt, der ihr dienend ist …“ (Nolde 22.7.1937)

  1. Fritz Harnest und die Natur:

Nach der Ausbildung in München gibt es kurze Aufenthalte in Städten, z.B. in Berlin, Hamburg, Paris, wieder München: Harlaching: willkommene Motive findet er nahen Tierpark und im Isartal.

Ab 1938 lebt Fritz mit seiner Frau Mutz (Sängerin und Zeichnerin) in Übersee am Chiemsee bis zuletzt: 1999.

Naturthemen (die Farben!) bestimmen einen großen Teil des ganzen Werks. Hier:

„Gruppe violetter Triebe“ (Nr. 16 – 18), auch die „Fingrigen“ (Nr. 7, 8  und 13) gehören hierher, abgewandelt auch das Säulenthema mit den „Säulenbrüchen“ (Nr. 4 – 6): Wachstum – und Vergehen.

„Formen – Farben – Größen“ (der Titel der Ausstellung):  Dazu ein Zitat von 1974 (Katalog S. 26):

„Nach dem Bemühen um das Informel wollte ich aber die Farbe zusammenholen. Denn die Farbe ist eines, ein anderes ist die Form, das dritte die Größe, d.h. das Format. Die Größe ist einfache Lebensform, in der die Farbe zur Sprache kommt. Die große Form und die große Farbe drücken die Selbstverständlichkeit der Existenz aus – und das Bedürfnis geht weiter, ausdrückliche Formen der Existenz zu finden. Es geht darum, solche Flächen den Menschen hinzustellen, dass sie damit und darum herum leben wie mit einer Seite einer ‚Mit-Architektur.’“

  1. Fritz Harnest und die Literatur:

„Vorahnung zu Anakreon“ 1980 (Nr. 3): Wer ist Anakreon? Hofdichter bei Polykrates auf Samos (um 500 v. Chr.): Seine Poesie schildert Lebensfreude, Lust an Natur und Erotik   –  und  wurde wieder belebt im Rokoko: die „Anakreontik“. Und bei Goethe:  das Gedicht „Anakreons Grab“, von Hugo Wolf vertont, auch ein Titel bei Harnest.

Fritz Harnest – ein Universalgebildeter; er ist zeitlebens und immer am Lesen: Heine, Hölderlin, Nietzsche – und Goethe: er hinterlässt eine 20 Bände umfassende Werkausgabe, in zerlesenem Zustand! Schon im Gefangenenlager  in Moosburg (1940 – 45), wo er Französisch-Dolmetscher ist, fertigt er (heimlich?) Holzschnitte zu Goethes West-östlichem Diwan.

Zuletzt noch ein Hinweis auf den Holzschnitt „Und was ist alles Sein?“ von 1962 (Nr. 15 im Nebenraum). Episoden aus der Bibel und der griechischen Mythologie sind häufige Themen nach 1945. Fritz Harnest war – wie Goethe, Nietzsche, Casper, Nolde – zweifellos ein „Spiritueller“ (Noldes „Kreuzigung“ hängt bei den „Entarteten“!).

Dazu noch ein Wort vom Künstler selbst von 1974 (Katalog S. 30):

„Eine einzige Farbe allein kann für sich bestehen und ist allein und auf jeden Fall Ausdruck. Ich habe viel auf Rot gebaut, Rot ist die Farbe par excellence, sie ist so stark, dass man es einmal übelgenommen, nachgerade  als unsittlich getadelt hat, so viel Rot zu verwenden. Manchmal, wie gesagt, male ich Bilder nur mit Rot, weil es einen Ausdruck außer allem hat. Gar mit zwei Rots lässt sich Unbegrenztes sagen, von der Lieblichkeit bis zur Wut, von der Sinnlichkeit bis zur Heiligkeit.“

Horchen Sie hinein in die Bilder … auf den Klang der Farben!

In der Fritz-Harnest-Jubiläums-Ausstellung, die „die Wucht und die Kraft seiner Bilder in Erinnerung bringt“. (OVB  9.3.2018)

Alfred Rott am 11. März – Galerie Villa Maria in Bad Aibling

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Einführung zur Ausstellung Michael Dillmann – 21-01-18

Michael Dillmann ist nach 2014 zum zweiten Mal Gast in der Galerie.

Wer ist dieser Michael Dillmann?

Im Telegrammstil: er ist Mitte 50 – Malerei hat ihn von Kind an interessiert – mit 22 begann er dann sein Kunststudium und das bei einem berühmten: bei Rudi Tröger. Wer Trögers Bilder kennt, könnte meinen seine malerischen Überzeugungen  entdeckt man in Dillmanns Bilder wieder. Trögers Bilder sind  dem Leben zugewandte malerische Statements seiner Zeit – das entdeckt man auch in Dillmanns Bilder.

Rechnet man die Studienzeit mit ein, dann ist es ein 35 Jahre währendes Malerleben.

Der Titel dieser Ausstellung: Lichtblicke.

Ein passender Titel für eine Ausstellung zum Jahresanfang. Aber auch ein passender Titel für Dillmanns Bilder: sie spiegeln eine optimistische Grundstimmung – sie erinnern an Situationen, die man meint selbst erlebt zu haben. Situationen, an die man sich gerne erinnert. Damit lösen sie ein, was für mich ein wichtiges Kriterium für gute Bilder ist:

Gute Bilder sollen beim Betrachter Empfindungen auslösen, an selbst Erlebtes erinnern. Wenn das dann mit positiv besetzten Gefühlen verbunden ist, schaut man sie länger und zugewandter an – das ist menschlich.

Dillmans Bilder tun das.

Wie schafft er das?

Ausgangspunkt seiner Bilder sind Fotos.

Fotos aus dem Alltagsleben, eigene und veröffentlichte Fotos. Es sind Bilder die gelebten Alltag festhalten.

Aber wie kommt das Leben in diese Bilder?

Da ist zunächst die verwendete Farbmischung: Eitempera – eine in der Regel selbst gemischte Mischung aus Ei, Leinöl und Farbpigmenten, wie sie seit rund 400 Jahren verwendet wird. Es ermöglicht einen pastöse Auftrag, der eine Lichtbrechung erlaubt, die die Bilder erstrahlen lassen.

Hinzu kommt sein Malduktus: Dillmann malt gegenständlich. Aber er lässt sich durch die Gegenständlichkeit malerisch nicht einschränken, er stellt sie infrage, verwischt die Konturen und kommt so in der Darstellung der Realität ganz nah – man hat des Gefühl einer Momentaufnahme, so als währe man in der Situation dabei gewesen.

Geht man nah ran an seine Bilder hat man den Eindruck einer farblichen Abstraktion. Betrachtet man sie mit Abstand, wirken sie realitätsnah.

Ich wage eine kühne These: Dillmann malt, wie der berühmte Paul Klee das Wesen der Kunst definierte:

Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht die Wirklichkeit sichtbar. 

Legt man dieses These Klees zugrunde, dann kann man auch sagen: Erst Kunst konstituiert die Wirklichkeit. Jeder für sich und jeder für seine Wirklichkeit.

Der Blick auf die Welt, ist immer ein individueller Akt – jeder hat seine Sicht auf die Welt, die sich von der anderer unterscheidet.

Wenn zwei dasselbe sehen, muss das für beide nicht das Gleiche sein und schon gar nicht müssen sie das Gleiche empfinden.

Wie man die Welt wahrnimmt, ist von der eigenen Erfahrung geprägt. 

Und Leben ist nur durch Dialog möglich – ein Leben ohne Resonanz seines Gegenübers erlaubt kein Leben und auch kein Überleben.

Kommunikation ist Voraussetzung für Leben.

(Wie konstituiert sich unsere Sicht auf die Welt?

Es ist vor allem das, was unser Leben und unser Überleben sichert – die Sozialwissenschaftler sagen: die Reproduktion konstituiert unser Leben. Also  das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Gemeint ist was und wie wir es schaffen, damit wir leben und unser Leben sichern. Das prägt unser Leben und es prägt, was uns für unser Leben wichtig ist.

Es prägt auch welche Bilder, welche Kunst wir mögen und welche nicht. Das kann sich ändern, wenn sich das Sein ändert, wenn es uns nicht mehr so gut geht.

Jede Zeit generiert also ihre Bilder.

Künstler sind die Übersetzer für das, was man in den jeweiligen Zeiten für sich wahrnimmt und was einem wichtig ist.

Dillmanns Bilder spiegeln die Zeit in der wir aktuell leben, eine Zeit in der zufriedenstellendes Leben für viele möglich ist.

Keine Bedrohung durch Krieg, wirtschaftliche Sicherheit – zumindest in dem Teil der Welt, in dem wir leben.)

Dillmanns Bilder spiegeln (auch) dieses Leben.

Deshalb lösen seine Bilder Emotionen aus.

Die Ausstellung hat den Titel „Lichtblicke“. Es geht also um Momente, an die wir uns gerne erinnern. Das ist der Grund, warum seine Bilder einen Dialog mit den eigenen Wirklichkeiten ermöglichen. Ein Dialog in dem immer auch die eigene Geschichte steckt.

Das ist es, was gute Bilder erreichen können: die Chance zu generieren sich selber zu begegnen und mehr über sich zu erfahren.

Maler sind Türöffner die eigenen Wirklichkeiten besser kennen zu lernen.

Je tiefer Maler, Künstler unser aller Wirklichkeiten durchdringen, umso intensiver ist es ihnen möglich uns die eigenen Wirklichkeiten vor Augen zu führen und uns und das was wir wirklich wollen besser kennen zu lernen.

Dillmanns Bilder können das.

Ich wünsche Ihnen einen dialogreichen Vormittag mit sich. Wenn das im Gedränge einer Vernissage nicht so recht gelingen mag, wenn der Dialog mit den Bildern sich nicht einstellen will: sie haben bis zum 25. Februar Zeit das nachzuholen – die Bilder jedenfalls sind in diesen Räumen bis dahin gesprächsbereit.

Probieren sie’s – ich versichere Ihnen, wenn sie sich auf den Dialog einlassen, sie erfahren viel über sich. 

Noch eins: Wir bieten seit vergangenem Jahr zu den Ausstellungen Lesungen an – Renate Mayer wählt die Texte aus und präsentiert sie  – für Michael Dillmann hat sie Tanja Blixens Wintergeschichten ausgewählt. Die Lesung ist am 9. Februar – wer schon einmal dabei war kennt den Ablauf: eine Lesung, die die Bilder literarisch illustrieren, immer mit einer kleinen Pause, in der wir Fingerfood reichen –  ein vergnüglicher Abend inmitten dieser Bilder und kunstinteressierten Menschen – sie wären also unter sich.

Die Ausstellung ist eröffnet.

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Einführungsrede zur Ausstellung Christoph Drexler – 12-11-17

Oft werde ich gefragt: warum tust Du Dir das an mit der Galerie: d e r Aufwand, das zeitliche Engagement. Was ist Dein „Profit“ dabei?

Nicht einfach zu beantworten, auch wenn ich lange darüber nachdenke:

Eines ist es sicher nicht: Man wird nicht reich, Galerie ist kein gutes Geschäft.

Plus-Minus Null als Jahresbilanz ist eine gute Jahresbilanz – das Minus davor ist die Regel.

Also was ist es: Anerkennung, Schulterklopfen, das sicher auch.

Wichtiger ist, was ich in der Auseinandersetzung mit den Bildern und den Künstlern immer wieder erfahre: Wie sieht der Maler, die Malerin die Welt, die auch die meine ist? Was sehen sie, was ich nicht sehe?

Wie nehmen sie die Veränderungen wahr, die auch ich wahrnehme.

Denn das zeichnet gute Künstler aus: sie sind Seismographen für immer gleiche, aber auch für die sich wandelnden gesellschaftlichen Emotionalitäten – weniger schwülstig ausgedrückt: sie spüren, was Sie und mich bewegt…oft lange bevor wir es selber merken, dass sich das was verändert in der soziale Wahrnehmung.

In Bilder und Skulpturen umgesetzt unterscheidet dieses Gespür, diese Begabung die guten Bilder und Skulpturen von den weniger guten!

Kunst muss berühren.

Wir stellen hier hoffentlich immer nur die guten aus, also die Künstler, die Sie und mich berühren.

Christoph Drexler ist das vierte Mal Gast in dieser Galerie.

Drexlers Bilder berühren.

Warum?

Das, was er in und mit seinen Bildern abbildet ist etwas, was wir auch sehen.

Aber sie es sind radikale Reduzierungen auf das für ihn Notwendige, das für ihn Wichtige.

Moritz Holfelder, Kulturredakteur bei Bayern 2, hat in Drexlers Bilder Assoziationen zu seiner kindlichen Baukastenwelt erkannt: Häuser wie Bauklötze, geformten Landschaften wie im Sandkasten.

Als hätte sich Drexler den unverstellten Blick seiner Kindheit bewahrt – die Ruhe, die Klarheit, das Weglassen all dessen, was nicht wichtig ist, eben den unverstellten Blick.

Hier passt das berühmte Picasso-Zitat:

Als Kind ist jeder ein Künstler – die Schwierigkeit liegt darin sich als Erwachsener das zu bewahren!

Als ich mein Interesse auf diesen Aspekt richtete, habe ich verstanden, warum mich Drexler Bilder schon immer emotional ansprachen, warum er zum Kreis der Künstler gehört, die wir einladen alle drei bis fünf Jahre hier ihre neuen Arbeiten zu zeigen.

In der Ausstellung, die wir heute eröffnen zeigt er einige seiner „Baukastenbilder“: Spielzeughäuser, Spielzeugkräne in Sandkästen.

Für mich stehen sie symptomatisch für seine künstlerische Arbeit, deren Kern ich in dieser Reduktion der Realität sehe, das sich Zurückbesinnen auf die Klarheit des kindlichen Blicks.

(Auf eine Besonderheit möchte ich sie hinweisen: ein Bild, im mittleren Raum, ein Stillleben, 30 Jahre alt. Es wurde noch nie in einer Ausstellung gezeigt.

Es lässt erkennen wie früh Drexler seine malerische Handschrift fand und wie kontinuierlich er sie im Licht seiner neuen Bilder entwickelte, die er hier im Schwerpunkt zeigt. Sie wirken auf mich leichter, fröhlicher, lebenszugewandter als frühere Arbeiten – weniger melancholisch.

Was lösen diese Bilder beim Betrachten aus?

Drexler setzt die Welt bewusst und unmissverständlich zurück in die Zeit, wo jeder, sie und ich, begannen uns als Kinder ein Bild von der Welt zu machen. Folgen sie diesem Gedanken und sie werden die Emotion erfassen, die seine Bilder vermitteln können: ein sich Zurücksehnen in eine Welt, wo sie für jeden in Ordnung war, wo man sich bestätigt fühlte im eigenen Werden und Wachsen. Drexler lernt uns das, was uns täglich begegnet wieder in dieser Gefühlswelt wahrzunehmen.

Wieder den Blick zu haben, was für einen wichtig ist, wo man sich in seiner Wahrnehmung sicher ist.

Das ist die Qualität seiner Bilder.

Beim Nachdenken über diese Wirkung bin ich auf den in den Sozialwissenschaften wieder gern gebrauchten Begriff der _Resilienz_ gestoßen. Er beschreibt die Kraft, die in jedem steckt sich den Fragen und Krisen des erwachsenen Lebens offen und ohne Furcht stellen zu können, wenn man das Angenommensein in der Kindheit erfahren und erleben konnte. Das ist die Voraussetzung, die Basis für den Traum vom authentischen Leben.

Die Prägungen die wir als Kind erfahren, prägen unser Handeln, strukturieren unsere Entscheidungen als Erwachsene.

Der unverstellte Blick auf die Welt basierend auf eine solche Kindheitserfahrung tut gut: er beruhigt und mahnt das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

Christoph Drexlers Bilder haben die Emotionalität für die Unverstelltheit dieser kindlichen Sicht.

Er übersetzt für uns die Welt, für die wir den unverstellten Blick vielleicht verloren haben.

Seine Bilder generieren Emotionalität – sie berühren, indem sie erinnern – jeden für sich und jeden in seinem Erlebten.

Ich bin überzeugt, dass das der Grund ist für Drexler’s Erfolg als Maler: von den rund 900 Öl-Bildern, die er in den 40 Jahren seit Beginn seines Studiums geschaffen hat, sind 700 verkauft, 80% seine Oevres. Eine beachtliche Zahl!

Ich ende, wo ich eingangs begann: Diese Auseinandersetzung mit Bildern ist mein persönlicher Profit, den ich aus dem Galeriearbeit ziehe. Keinen, den man in Geld messen kann.

Aber Bilder lehren mir meine Sicht auf die Welt immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Sie helfen mir neugierig, an der Welt interessiert zu bleiben.

Bilder halten jung im Kopf.

Sie sind Dialogpartner. Bilder sind geduldig und: Bilder sind zugewandte Dialogpartner – keine Widerrede, nur eigene Gedanken und ganz individuelle Erinnerungen und Schlussfolgerungen.

Drexlers Bilder sind für fünf Wochen Gast dieser Galerie – nutzen sie die Zeit – wieder kindliche Klarheiten für sich zu entdecken. Sie sind die Basis und die Strukturelemente für unsere Sicht auf die Welt und unsere Entscheidungen in dieser Welt.

Daß sich der Künstler und die Galerie freut, wenn Sie eines der Bilder als Dialogpartner entdecken und sichern wollen, das gebe ich offen zu.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen erinnerungsstarken Sonntagvormittag.