Einführung zur Ausstellung Rosemarie Zacher

– gehalten von Susanne Partsch

 

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Freunde,

liebe Frau Geyer

und natürlich liebe Rosemarie

„Do it!“ könnte die Aufforderung von Rosemarie Zacher an mich gewesen sein, hier eine Rede zu halten, der ich gerne nachkomme. Doch hat sie eines ihrer Bilder so genannt, ein für ihre Verhältnisse großformatiges Bild, auf dem ein Mann in der von ihr so geliebten Schiesser Feinripp Mode aktiv ist, wobei die Betrachter im Ungewissen gelassen werden über die Tätigkeit, die der Herr ausübt. Mäht er den Rasen? Gräbt er im Garten? Schiebt er sein Fahrrad den Berg hinauf? Oder macht er etwas ganz anderes?

Sicher gehört er zu der Fraktion Männer, die unter der Woche im Büro sitzen, in Anzug und Krawatte, und sich nun austoben wollen am Wochenende, dem Tatendrang folgend, Haus und Garten zu verschönern oder der eigenen Fitness zu frönen. Möglicherweise versucht er aber auch, den Morgenmuffel auszutreiben, der in ihm steckt und den Rosemarie in einem anderen Bild dargestellt hat, auf dem sich ein Mann im Morgenmantel auf der Leinwand ausbreitet.

Die beiden Bilder haben nicht nur das gleiche Format, ihnen sind auch geheimnisvolle Zahlen zu eigen, die sich in der oberen linken Ecke finden. Das ist nun nicht, wie man vielleicht meinen könnte, der Zacher-Code, den zu knacken es gilt, sondern es handelt sich lediglich um Nummern, die sich auf Postsäcken befinden wie sie Rosemarie gerne als Leinwände verwendet, seitdem sie 1994 ein Konvolut davon fand.

Das ist jetzt zwar 25 Jahre her, und auch damals schon erwiesen ihr diese Säcke gute Dienste, die Bilder jedoch sind sehr viel jüngeren Datums wie viele der hier gezeigten Werke. Etliche wurden vor dem heutigen Tag noch niemals präsentiert.

1994 – da hatte die Künstlerin gerade einmal drei Jahre ihr Studium beendet, in dieser Zeit aber schon etliche Wege und Nebenwege beschritten.

Die Malerin, Zeichnerin, Grafikerin, Illustratorin, Karikaturistin, Bildhauerin, Objektkünstlerin, Textilgestalterin und Kunstpädagogin Rosemarie Zacher wuchs in Gauting auf, wo sie auch heute noch lebt. Nach dem Abitur studierte sie in München an der Ludwig-Maximilian-Universität Kunstpädagogik, Kunstgeschichte und Betriebswirtschaft.

1991 beendete sie ihr Studium. Schon zwei Jahre davor hatte sie sich um den damals zum ersten Mal ausgeschriebenen Kunstpreis der Stadt Starnberg beworben, weil sie erfahren hatte, dass die eingereichten Bilder ausgestellt würden. Doch sie gewann auch noch prompt den ersten Preis und wurde mit gerade einmal 23 Jahren für zwei Jahre Stadtmalerin in Starnberg mit einem eigenen Atelier.

Auf das Studium folgten Lehraufträge für Malerei, Zeichnen, Figurentheater und künstlerische Technikgeschichte am Institut für Kunstpädagogik der Münchner Universität. Bereits 1989 gründete sie mit anderen zusammen die „Schule der Fantasie“ in Gauting und in dem Nachbarort Stockdorf, die sie bis heute leitet. Hier werden Kurse für Kinder, aber auch für Teilnehmer anderer Altersstufen angeboten, in denen künstlerisch und handwerklich bildnerisch frei gearbeitet wird. Hinzu kamen Kurse in der Erwachsenenbildung, das Kinderprogramm im Münchner Haus der Kunst sowie seit 1994 künstlerische und museumspädagogische Aufträge für das Haus der Bayerischen Geschichte.

Der Vielfalt ihrer Tätigkeiten steht die Vielfalt in ihren Kunstäußerungen in nichts nach. Diese waren eindrücklich zu sehen in der großen Ausstellung im Pasinger Rathaus anlässlich des 2012 verliehenen Pasinger Kunstpreises und sind jetzt auch hier in Bad Aibling wieder nachzuvollziehen, denn auch hier sind ja nicht nur Gemälde ausgestellt. Doch nachdem gerade das Haus der Bayerischen Geschichte erwähnt wurde, für dessen neu eröffnetes Haus Rosemarie natürlich auch einen Kinderführer beigesteuert hat, möchte ich das Augenmerk doch noch auf einige wenige Gemälde lenken, darunter dasjenige, bei dem die Farbe noch taufrisch ist und das „Max Emanuel – oben ohne“ heißt.

Sie sehen wie sich der wohl berühmteste bayerische Kurfürst mit zwei Damen in einer Badewanne verlustiert, die auf einem roten Teppich steht. Rosemarie zeigt ihn ganz intim, die obligatorische Allongeperücke hängt an einem stummen Diener; die schwarzen Stiefel vor der Badewanne, die in ihrer Form an eine Chaiselongue erinnert, korrespondieren mit den Löwenfüße der Wanne. Ob sich das „oben ohne“ im Titel auf das unbedeckte Haupt bezieht oder auf andere Körperteile lässt die Künstlerin offen.

Das ironische Augenzwinkern findet sich auch in den Gemälden, in denen Rosemarie allgemeinere Themen formuliert  wie in „Sind S/sie dabei?“ oder in „Ohne Laptop und Lederhosn“. Die Figuren sind dabei nie einem Schönheitswettbewerb entsprungen, sondern demonstrieren in ihrer Körperlichkeit, in der Mimik und Gestik das ungeschminkte Wesen des Menschen und lassen in diesen beiden Bildern auch wieder an den am Wochenende so anders agierenden Mann in „Do it!“ denken.

Doch sind die Gemälde nicht die einzige oder wichtigste Kunstäußerung. Rosemarie liebt das variantenreiche Schwingen zwischen den Polaritäten und technischen Möglichkeiten, das es ihr erlaubt, im Schaffensprozess trotz aller Anspannung das Spielerische zu erhalten. Sie arbeitet immer an mehreren Projekten gleichzeitig und kommt sie bei dem einen nicht weiter, wendet sie sich dem nächsten zu und weiß, dass sie irgendwann auch wieder den liegengelassenen Faden aufgreifen wird.

Und so finden sich auch hier in Bad Aibling Monotypien von Tänzerinnen und einer Sportlerin, Zeichnungen in Mischtechnik von Musikantinnen und Musikanten oder aber solche, bei denen Speisen vorbereitet werden wie „Karpfenragout“, eine Fischsuppe mit einem unaussprechlichen Namen oder ein „Gefülltes Huhn“. Hinzu kommen Intagliotypien wie diejenige, auf der ein Dorffest zu sehen ist, eine Radierung mit dem Titel „Horizonte“, auf der auf subtile Weise der bayerischen Bierkultur gedacht wird.

Die Bierkultur ist auch Thema in anderen Blättern, bei denen sich die Zeichnung mit der Collage verbindet, so bei dem Werk Pro(st)test, bei dem man sich überlegen kann, ob es sich um einen Protest handelt, zum Beispiel wegen der Bierpreise, oder darum auszuprobieren, wie man am besten das Wort Prost ausspricht oder …

Weitere Collagen sind Teil einer großen Installation, die nach wie vor ein Work in progress ist und  „Ode an die Dinge“ heißt. Sie besteht aus lauter kleinen „Mirakel-Bildern“, die mit ihren Rahmen zum Teil an Votivbildchen erinnern, sich bei näherer Betrachtung aber eben als Collagen outen. Die meisten von ihnen stellen Personen dar, die Figuren repräsentieren, die mit ihrem Wirken auf eine Erneuerung des Menschenbildes hoffen lassen wie Sigmund Freud. Doch auch die Erwartung auf eine neue Systematisierung und Kategorisierung von Flora und Fauna, wie sie sich derzeit in den Wissenschaften anbahnt, ist in der kompletten Mirakelwand zu finden und noch vieles andere mehr.

Den Titel hat sich Rosemarie ausgeliehen von Pablo Neruda, dem Chilenischen Dichter, der 1959 das gleichnamige Gedicht schrieb, in dem es heißt:

„Ich liebe alle Dinge, nicht nur die höherstehenden, sondern auch die unendlich kleinen, den Fingerhut, Sporen, Teller, Vasen (…) Die Knöpfe, die Räder, die kleinen vergessenen Schätze, die Fächer, in deren Federn die Liebe ihre Orangenblüten wehte,

Gläser, Messer, Scheren —

auf allem findet sich, am Griff, am Rand, eine Fingerspur, die Spur einer entrückten, ins vergessenste Vergessen versunkenen Hand.“

Es ist, als hätte Neruda dieses Gedicht für Rosemarie geschrieben und es verwundert nicht, dass sie es gefunden hat.

In der Collage verbinden sich Zwei- und Dreidimensionalität und so bietet es sich an, hier jetzt überzuleiten zu den Plastiken, den Weiberleut, den Managemen und den bayerischen Königen.

Allgemein lässt sich zu diesen Figuren sagen, dass sie nicht geglättet sind, sondern der Herstellungsprozess durch Fingerabdrücke sichtbar bleibt. So wird auch hier die Suche nach dem Menschlichen im Menschen, der sich in vielen von Rosemaries Werken zeigt, deutlich. Sie verweisen aber auch auf den aus Lehm erschaffenen Menschen, wie es mehrere Mythen erzählen.

Die Managemen, graue Männer, wirken wie mit einer gesinterten Patinierung überzogen und verkörpern eine Spezies Mensch, die in den Chefetagen von Banken, Versicherungen und anderen Konzernen zu finden sind. Vielleicht hoffen sie, dass sie, wenn sie ganz groß rauskommen, zu bayerischen Königen werden, deren Namen „Ottmilian“, „Max Ferdinand“ und „Leowig“ schon zeigen, dass wir es hier nicht mit den echten Königen zu tun haben, sondern mit Prototypen.

Denn welcher von ihnen ist es, den sich manch Bayer oder Bayerin vielleicht ganz heimlich zurücksehnt? Den, der uns all die Museen beschert hat oder doch lieber den mit den Schlössern? Oder den Wissenschaftler? Oder den allerletzten? Oder vielleicht doch den, der gar kein König war, sondern ein Kurfürst? Und so bilden die drei Herren mit ihren Kronen einen Reigen regierungswilliger Monarchen, die verschiedene Charaktereigenschaften vereinen.

Als Pendant zu all diesen Männern ist die Serie der Weiberleut entstanden. Die Damen sind im Gegensatz zu den Männern farbig gefasst, aber nicht glasiert und stellen die Frauen in ihrer ganzen Vielfalt dar. Da finden sich zwei Rausgeputzte ebenso wie die Shoppingqueen. Der Vortragenden sollte die lauschen, die lieber Löcher in den Himmel guckt  und die Frau mit Vorsätzen ist zusammengespannt mit der Frau mit Sätzen. Man könnte fast meinen, dass die Frau mit den Sätzen auch hier in Realiter steht und über die Frau mit den Vorsätzen spricht, doch hat letztere ja keine Vorsätze, sondern wenn, dann setzt sie pausenlos Vorsätze in die Tat um.

Und das hat sie auch hier getan, für diese Ausstellung in Bad Aibling. Bereits vor Monaten stand der Termin fest. Ebenso lange ist es her, dass sie mich fragte, ob ich als Frau mit den Sätzen fungieren könnte, als die Vortragende, bei der immer alle nur Löcher in den Himmel … nein, das hat sie natürlich nicht gesagt. Getan hat sie allerdings seither eine Menge. Bilder gemalt, Figuren geformt, andere ausgesucht. Aber bevor ich jetzt weiterhin Satz an Satz reihe und Sie alle am Ende tatsächlich die Augen Himmelwärts drehen, schauen Sie sich lieber um, erfahren Sie die Vielfalt, die sich Ihnen hier bietet und denken Sie dabei auch an den von Rosemarie so gerne zitierten Spruch von François de La Rochefoucauld, diesen großen französischen Literaten des 17. Jahrhunderts: „Hätten wir keine Fehler, so fänden wir nicht soviel Vergnügen daran, bei andern welche aufzuspüren.“

Susanne Partsch

Bad Aibling, 07.07.

 

Rede zur Eröffnung der Max Pfaller Ausstellung – Die Welt – realistisch!

Man sagt, und nach meiner Erfahrung stimmt es: Der Wein schmeckt, wie der Winzer ist.

Im übertragenen Sinn gilt das auch für Bilder.

Im besonderen für die von Max Pfaller:

Sie spiegeln, wie Max Pfaller die Welt sieht.

Sagen Sie zu ihm ja nicht seine Bilder seien photorealistisch.

Er entgegnet entschieden: sie sind realistisch.

Nein, er kopiert nicht die Welt. Er setzt die Welt fotografisch genau, aber neu zusammen.

Er kommentiert die Welt. Er malt, was er sieht.

Das ist gar nicht so leicht zu verstehen: denn in seinen Bildern sieht man die Welt, wie man sie kennt, aber es ist nicht die Welt wie sie ist.

Max Pfaller konfrontiert uns mit unserer eigenen Seherwartungen, so  wie wir die Welt gerne sehen wollen.

Eine Welt die von Werbung und der immer umfassenderen Bilderflut, die täglich und immer mehr auf uns einstürmt und von ihr geformt wird.

Aber das ist nicht die Welt wie sie ist.

Wir fühlen uns ertappt und hoffentlich auch amüsiert, wenn man erkennt, wie man die Welt gern sähe.

Einer der Max Pfaller verstanden und sein Bilderschaffen erkannt hat, war Klaus Schönmetzler. Bei ihm wollte ich mich nochmals rückversichern in dem, was ich in Pfallers Bilder zu erkennen glaube. Ich habe nachgelesen, was Schönmetzler in seiner Einführung einer Max Pfaller-Ausstellung in Aschau 1995, damals noch im Aschauer Amtshaus, resümierte:

Wir tappen dem Max Pfaller immer wieder in die Falle. Und er macht es uns verteufelt leicht hinein zu tappen, weil er seine Pointen nicht plakativ einsetzt. Weil man sein Sensorium weit öffnen muss, um das Versteckte aufzuspüren, um den Widerhaken nicht zu schlucken. Je mehr diese Bilder sich im äußeren unserer normierten, durch zahllose Urlaubs-,Werbe- und Touristikfotos versaute Wahrnehmung annähern, desto weiter rücken sie in ihrer künstlerischen Haltung davon ab.

Sie nehmen dieses Menscheln, diesen trivialen Wahrnehungsersatz als Teil ihrer Ästhetik, als ironisches Moment und Stachel auf in eine Bildkunst, die exakt das Gegenteil vermittelt, nämlich makellose Koloristik, strenge Komposition, stupende Technik.

Und bei all dem ein untrügliches Auge für die Wirklichkeit.

Diese Bilder, wie sie es schon immer taten, spielen also mit uns und meinen es im Spiel doch zugleich bitter ernst. Auf beides – Spiel und Ernst – heisst es sich einzulassen.

Zitat Ende.

Schönmetzler hat ihn und sein malerisches Werk so gut erkannt und beschrieben, dass ich am liebsten seine Einführung von damals anstelle meiner hier ganz rezitiert hätte.

Aber das geht natürlich nicht, denn es sind 24 Jahre vergangen und da muss sich doch was geändert haben in seinen Bildern, die alle danach entstanden.

Geändert haben sich die Bilder, die Motive, das schon. Aber Max Pfallers Haltung, wie er die Welt sieht und sie in seinen Bilder wiedergibt, die ist die gleiche geblieben. Immer noch tappen wir in die Pfallerschen Fallen und ertappen dabei uns selbst. Das ist die Qualität seines malerischen Schaffens. Drei Beispiele:

  • Im mittleren Zimmer dieser Galerie titelt er: Der Regensburger Dom. Auf der Motorhaube eines blank polierten Audis spiegelt sich spiegelverzerrt der Dom. Man ahnt die Priotität des Interesses dieses Stadtbesuchers, der seinen Ausflug nach Regensburg mit einer Dombesichtigung kaschierte.

  • Oder hier in diesem Raum, das Stilleben, wo er im klassischen Genre eine Fotokamera platziert, unscheinbar und fast zu übersehen. Aber der Verweis drauf, was die Bildvorlage war und wann dieses Bild entstand.

  • Oder das Bild im Eingang der Galerie, gegenüber der Garderobe: „Zwei Fenster zum Hof“ – im Vordergrund die Idylle, beim genauen Hinschauen dann die Bloßlegung des wirklichen Interesses: eine voyeuristische Absicht im Blick.

Lassen Sie sich ein auf diese Bilderwelt, reminszieren sie und genießen sie diesen ironisch zugewandten Blick auf die Welt.

Vielleicht entdecken sie eigene Realitätserwartungen. Erschrecken sie darüber nicht. Die Welt und wir in dieser Welt, wir sind wie wir sind.

Das Erschrecken über die eigene Wahrnehmung schärft die Wahrnehmung des Ichs.

Max Pfaller sieht, wie Menschen die Welt sehen. Er erkennt und benennt gut gehütete Sehabsichten. Vielleicht auch aus der Erfahrung des eigenen Blicks.

Die Welt änderte sich, aber nicht die Pfallersche Haltung zu dieser Welt, die für ihn die gleiche geblieben ist. Seine Malerei ist die augenzwinkernde Wahrnehmung dieser Welt.

Ich wünsche Ihnen ein Schmunzeln über die Bilder und die eigenen Erfahrungen beim Betrachten dieser Pfallerschen Bildpremiere an diesem Sonntag. EG 120519

 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung: „…ins Gesicht g’schaut!“

Dieses Mal also eine Themenausstellungen in der Galerie Villa Maria.
Es geht um Portraits.
Wir haben die Ausstellung „…ins Gesicht g’schaut!“ getitelt.
Warum halten wir das Thema Portrait für aktuell?
Portrait war immer ein Thema für Künstler. Aber Portraits haben eine neue, aktuelle Bedeutung erlangt: das Selfie.
Ahnen Sie, wieviele Selfies weltweit pro Tag gemacht werden: 1 Million.
Junge Erwachsene – also die 18 – 35 jährgen – machen in ihrem Leben 27.500 Selfies. Wenn man davon ausgeht, man macht ein Selfie pro Tag, dann braucht man dafür 75 Jahre – quasi eine lebenslange Beschäftigung.
Publiziert oder sollte ich besser sagen „geposed“ werden Selfies vor allem auf Facebook und Whats App, es folgen Twitter und Instagramm.
Aber ein Selfie ist nichts anderes als ein Portrait, eine selbst kontrollierte optische Darstellung. Wie wichtig Selfies geworden sind, kann man daran erkennen, dass der Erfolg von Karrieren heute oft danach abgeschätzt wird, ob er oder sie instagramabel ist.
Worum geht es bei Selfies: es geht darum, sich zu zeigen, ein Statement der eigenen Befindlichkeit zu publizieren. Man zeigt sich zuversichtlich, optimistisch.
Diesen Optimismus anderen zugänglich zu machen, ist heute für die nachwachsende Gerneration soziale Pflicht. Will man dazugehören, muss man sich dem Freundeskreis, auch dem beruflichen so zeigen: Optimismus ist Pflicht.
Für mich ist das ein Tribut an die fortschreitende Ökonomisierung unseres Lebens.
Das Leben ist wieder ein Stück mehr zum Marktplatz geworden. Wahrscheinlich war es das immer. Nur erkennen wir diese Druchdringung unseres Lebens immer deutlicher, erkennen die Defizite. vielleicht wird deshalb die Kritik an den Defiziten dieser Organisationsform gesellschaftlichen Zusammenlebens gerade unter der nachwachsenden Generation immer lauter und präsenter.
Die Kunstform Portrait unterscheidet sich von der Lust an Selfies entscheidend. Selfies sind Portraits, aber gsanz selten Kunst.
Portraits waren seit Menschengedenken Thema und selbst gestellter Auftrag der bildenden Kunst.
Um ein Schlaglicht auf die künstlerisiche Umsetzung heute zu werfen haben wir vier Künstler der Region versammelt:
– Peter Tomschizcek, den Grandsegnieur der
regionalen Kunstszene,
– Ludwig Scharl, dem die Portraits sein malerisches Lebensthema waren.
– Helga Zellner, deren irdene Skulpturen zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnen,
– und Portraitfotos von Regina Trautwein, der gelernten Fotografin, deren fotografischer Arbeitsschwerpunkt Portraits sind.

Die Konstante beim Porträt in der Malerei, der Fotografie und der Skulptur ist es, ein Abbild zu schaffen.
Dieses Abbild kämpft mit zwei Problemen, nämlich einmal Wirklichkeit zu sehen und zu zeigen, aber auch das innere Wesen des Abgebildeten sichtbar werden zu lassen.
Der Begriff ‚Portrait‘ kommt von ‚protrahere‘ herausziehen – also das Nichtsichtbare sichtbar zu machen.
Wirklichkeit darzustellen und zugleich – und das ist der Konflikt – natürlich Idealisierung und gegebenenfalls auch Überhöhung anzustreben. Also die Figur zu interpretieren. Das ist nicht einfach, wenn es der Künstler ernst meint und nicht lobhudeln will. Denn der Abgebildete will gesehen werden, wie er will, dass er gesehen wird. Der, der ein Bild von ihm macht, will zeigen, was er sieht.

Diesen Spannungsbogen, die Unterschiede in der künstlersichen Umsetzung offen zu legen, das haben wir hier versucht.

– Peter Tomschizcek mit zwei Portraits – sein Straussportrait charakterisiert diesen Politiker auch in der Rückschau – er hat ihn, wie man umgangssprachlich sagt „getroffen“: kompakt, durchsetzungsstark, raumgreifend. Dem gegenübergestellt: Leo von Welden – wer von Welden kannte weiss, auch ihn hat er „getroffen“ aber er schaut so ganz anders auf diesem Portrait in die Welt: zuversichtlich, sanftmütig und lebensweise – zwei zeitgenössische Portraits, die eines erreichten: das Wesen des Portraitierten offen zu legen.
– Dann die Portraits von Ludwig Scharl – expressionistische Interpretationen, nie verletzend, nie beschönigend und doch immer auch das Wesen des und der Portraitierten treffend. Die Gegenüberstellung seines Napoline mit dem Straussportrait in diesem Raum ist kein Zufall. Auch kein Zufall ist die Reihung seiner Frauenportraits im Gang der Galerie – eine Galerie, die vor allem eines ist: ein Fest der Schönheit von Frauen.
– Dann die Skulpturen von Helga Zellner: Erst als ihre Skulpturen hier den anderen Portraits gegenübergestellt waren, haben wir ihre Skulpturen als stimmige Ergänzung zu den Portraits, die in den anderen Techniken gefertigt sind begriffen. Eine Begegnung, die die Möglichkeiten künstlerischer Darstellung offen legt.
– Dann die moderne Form der Portraits, die Fotografien von Regina Trautwein – Menschen, wie man sie gerne trifft – ehrlich und gerade heraus – gezeichnet vom gelebten Leben, aber voller Zuversicht und das Leben bejahend. Und wie grossartig anders, als jedwelches Selfie.

Warum aber haben wir diese Portraitausstellung „…ins Gesicht geschaut!“ getitelt.
Wir glauben, das jahrhunderte fortdauernde Interesse an Portraits und seine aktuelle Form, das „Selfi“ mit einer lebensgenerierenden Bedingung für Leben zu tun hat.
Kommunikation, miteinander in Kontakt treten, ist eine, wenn nicht die Grundvoraussetzung für Leben, für tierisches und menschliches. Dem Gegenüber ins Gesicht schauen, ihn und sein Wesen erkennen, ist das erste, fürs Überleben notwendige Feedback. Denn es ist das „Sich-erkennen-im-anderen“.
Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass es ohne Kommunikation kein und bei nicht gelungener Kommunikation nur verarmtes und reduziertes Leben gibt.
Deshalb steht für mich fest: Wenn einen ein Portrait anspricht, positiv oder negativ, dann weil es Erlebtes im Betrachter anspricht.
Portraits erinnern an prägende Erfahrungen.
Portraits erlauben, mit Prägendem des eigenen Lebens ins Gespräch zu kommen.
Portraits können Gesprächspartner sein, wenn man das eigene Leben erfahren will.
Machen Sie sich ein Bild von dem, was Sie hier sehen. Lassen Sie die Unterschiedlichkeiten, andere zu sehen auf sich wirken.
Denn Künstler sind die Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen, sie sind deren Protokollanten. Sie haben die Fähigkeit, uns etwas sehen zu lassen, was wir ohne die Bilder nicht sehen und spüren.
Vielleicht erfahren Sie Antworten, für sich selbst.
Vielleicht finden Sie unter den Ausstellungsobjekten ihren Gesprächspartner, mit dem sie das Gespräch fortsetzen wollen, zuhause in den eigenen vier Wänden, weil er ihnen etwas sagt, was neu ist oder was Sie wieder erfahren.
Das würde uns und die Künstler freuen.
Wenn es so ist, dann haben wir erreicht, was wir mit dieser Ausstellung erreichen wollten: sich im Portrait des anderen erkennen.

In diesem Sinn will die „Galerie Villa Maria“ heute für Sie neuer oder wieder entdeckter Erlebnisraum sein.

Die Ausstellung ist eröffnet.

EG 150319

Rede zur Eröffnung der Ausstellung von Alexandro Jaffe‘

Sempertino – immerwährend

Autorin: Tini Polt

Der Grund, warum die Villa Maria heute vom Prinzip ihrer Prinzipalen, nur Künstler aus der Region auszustellen, abweicht, bin hoffentlich ich. Ich habe vorletztes Jahr Alejandro Calderon Jaffe ́ für eine Ausstellung im Rahmen unseres Schlierseer Kulturherbstes gewinnen können, und meine Begeisterung ist wohl auf Ernst Geyer übergesprungen.
Für Alejandro haben wir zum Kulturherbst eine Plattform für Ausstellungen junger Künstler eingerichtet und zwar im Atelier von Cornelia Heinzel im Schnapperwirt. Letzten Herbst haben wir uns dort angeschaut wie ein blutjunger Afghane versucht sein Fluchttrauma malerisch zu bewältigen.
Alejandro ist kein Migrant wie der Afghane, aber auch er hat sein Land Venezuela wegen der schlimmen politischen Zustände, die gerade wieder in aller Munde sind, verlassen. Nur hatte er Gott sei Dank bereits einen deutschen Pass, weil seine Eltern deutschstämmig sind.

Wie bin ich zu Alejandro gekommen?
Hier stehen meine beiden Neffen, auch sie Deutsch-Venezuelaner, und die haben mir buchstäblich jahrelang erzählt und Fotos gezeigt, wie toll ihr Freund in Windeseile aus Knete Tiere aller Arten nahezu naturgetreu formen kann. Das hat mich neugierig gemacht und als Alejandro dann in Deutschland ankam, hab ich mich selber überzeugt und konnte sofort ihre Begeisterung nachvollziehen.
Da war Alejandro aber bereits weit über seine Tierknetphase hinausgewachsen. Er hatte, Sohn eines Grafik Designer Ehepaars, das ihm vernünftigerweise statt Plastikmonster immer Plastellin zum Spielen schenkte, auch schon, nach dem Abitur an der Humboldtschule, ein Grafikdesign Diplom und eins für Fotografie in der Tasche. Und eine Kochlehre hatte er obendrein auch noch abgeschlossen. Was Gscheits halt! Niemand wird das besser

verstehen als die Geyers.
Er bewarb sich für Bildhauerei an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle, studierte bei Professor Bruno Raetsch und hat gerade vor ein paar Tagen dort sein Bildhauerdiplom mit Auszeichnung ausgehändigt bekommen. Wir gratulieren von ganzem Herzen.
Ich bin eine echte Bewunderin seiner Arbeiten und drum fühl ich mich zwar geehrt, daß er sich mich als seine Laudatorin gewünscht hat, aber er hätte besseres verdient.

Das herausragende Thema seiner Arbeiten ist seinen Jugendjahren in Venezuela geschuldet. Es behandelt die Macht der Herrschenden und deren Auswirkung auf die, derer sie sich bemächtigen. Deshalb ist auch das Symbol für Macht, der Adler, der Titel seiner Diplomarbeit.

250 Jahre früher hat ein ganz Großer Spanier dasselbe Thema in seinen „Desastros della guerra“ behandelt. Er sagte:“ ich male was ich sehe“ und er sah Schreckliches.
Alejandro malt was er fühlt, -schnell, weil Emotionen flüchtig sind, und er malt schwarz-weiß, weil er meint, dadurch die Dramatik der Situationen besser sichtbar machen zu können. Der Beweis dafür hängt hier an den Wänden.

Um sie aber, wie man heute sagt „nachhaltig“ zu machen, sie weiter mahnen zu lassen, wenn auch er und wir nicht mehr sein werden, wählt Alejandro als Material für seine Skulpturen Bronze. Und wenn man in der Zeitung liest, daß Abertausende täglich mit Kind und Kegel ihre Heimat verlassen müssen, auch in seinem Geburtsland sind es mittlerweile über 3 Millionen, wundert es einen nicht, daß er viele seiner hier ausgestellten Plastiken Exodo nennt.

Wohin sie gehen, die Massen, und was sie dort finden wollen, sagt er uns nicht. Wir wissen es eh.
Wir Polts und meine Neffen, die Hettmanns, die Söhne meines

Bruders, der aus Alters -und sonstigen Gründen mit seiner Frau Venezuela wahrscheinlich nicht mehr verlassen kann, wünschen uns, daß Sie liebe Besucher, wenn sie heimgehen, unsere Freude an Alejandros Kunst verstehen.
Querido Alejandro con mucho gusto vamos a seguir tu viaje en el campo del arte y esperamos que nuestro pais llegue tambien a ser tu pais .
Danke Ernst und Stanzi, daß ihr Alejandro ausstellt.

Tini Polt – 280119 – in Bad Aibling

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Rede zur Eröffnung der Ausstellung

„Conny Fried – Sommerspuren“

Liebe Connie Fried, Frau und Herr Geyer, meine Damen und Herren guten Morgen,

ein weiterer sonniger Tag, der den unglaublichen Sommer des Jahres 2018 noch einmal verlängert, wenn auch nicht mehr von den Temperaturen her, aber von der strahlenden Helligkeit.

„Sommerspuren“ hat die Malerin Connie Fried ihre Ausstellung hier genannt, und wenn wir uns die Werke anschauen, blitzt auch in den dunkleren Bildern hier und da diese willkommene Helligkeit auf.

Aber der wahre Grund für den Titel liegt in dem aufwendigen Herstellungsprozess, von dem später die Rede sein wird.

Was tut ein Kind, in dessen Elternhaus der Geist der Kunst lebt? Dort, wo die Mutter Kunsthistorikerin ist und Bilder zum täglichen Leben gehören? Nun, das Kind malt, es versucht, die Bildwelt der Erwachsenen in eigenen Zeichnungen zu erfassen. Das wird sich im Laufe des Erwachsenwerdens nicht ändern, die Kunst wird zur – ein strenges Wort – Berufung. Streng deshalb: laut Duden handelt es sich bei einer Berufung um eine besondere Befähigung, die jemand als Auftrag in sich fühlt.

Diesen Auftrag in sich fühlte Connie Fried, als sie ein Studium bei Professor Ernst Geitlinger an der Akademie in München absolvierte und diese Lehrjahre noch um den Besuch als Gastschülerin an der Hochschule für bildende Künste in  Hamburg erweiterte. Geitlingers Bestreben, der gegenstandslosen Malerei und dem Konzept einer strengen Sachlichkeit zu mehr Geltung zu verhelfen, fand Eingang in Connie Frieds Arbeiten. Gestaltete sie anfänglich ihre Bilder noch im Sinne der konkreten Kunst – streng in geometrischen Formen aufgebaut –  ging sie nach und nach zur freieren abstrakten Malerei über. Ein gelungenes Beispiel für ein konkretes Bild habe ich in ihrem Haus hängen sehen.

Hier in der Villa Maria sehen Sie eine Auswahl aus dem unerschöpflichen Fundus des Friedschen Werkes, wobei die Größe der Exponate nur eine kleinere Anzahl von Arbeiten  zulässt.

Ihre Arbeitsmittel sind konsequent immer die gleichen:  im Fachhandel gekaufte Pigmente mischt sie mit Binder, den es in glänzend oder matt gibt. Für die Malerin kommt nur ein mattes Bindemittel in Frage, glänzende Oberflächen auf ihren Arbeiten vermeidet sie, um eine höhere Natürlichkeit zu erzielen. Damit vergrößert sie gewissermaßen das Verführungspotential der Bilder. Denn die matte, ja stumpfe Oberfläche ist nicht alltäglich und fordert vom Betrachter, der heutzutage von Hochglanzbroschüren umgeben ist, eine neue Bereitschaft des Sehens.

Viele ihrer Bilder sind von der Malerin als Diptychon geschaffen worden. Immer zwei Arbeiten bilden ein Paar, und obwohl sie in Ausdruck und Gestaltung offensichtlich unterschiedlich sind, gibt es eine innere Verbindung. Die Diptychen fordern uns auf, unsere herkömmliche Sichtweise abzulegen und neue Wahrnehmungsmuster zu entdecken. Nur so kommt man zu dem Schluss, dass eines der beiden Bilder – wie Feuer in Rottönen gemalt – einem anderen gegenübersteht, bei dem die gleichen Rottöne durch aschegraue Farbe weitgehend verdeckt sind.

Die Bildinhalte sind vielfältig. Es gibt ein Feuerbild, daneben ein Wasserbild, es gibt Arbeiten, die das Firmament voller Sterne assoziieren, und es gibt Bildtafeln mit  Zeichen, die unseren Buchstaben gleichen. Hieroglyphen, die uns, wenn man sie zu lesen versteht, die Welt erklären.

Bei der Gestaltung ihrer Werke bedient sich die Malerin einer langwierigen Vorgehensweise. Sie trägt eine dunkle Farbschicht auf die Leinwand auf und malt in einer helleren, sehr flüssigen Farbe Zeichen darauf. Sie lässt die Arbeit von der Sonne kurz antrocknen, gießt mit dem Gartenschlauch Wasser über das Ganze und wiederholt den Prozess mehrmals. Durch Bewegen der Leinwand kann sie das Ergebnis bis zu einem gewissen Grad steuern, ansonsten aber spielt der Zufall mit. Schwierig bei dieser Vorgehensweise ist, den richtigen Moment zum Aufhören zu erkennen. So wird das Ergebnis durch zwei Fähigkeiten bestimmt: durch die handwerkliche Arbeit und durch den künstlerischen Blick, der sagt „Halt, jetzt ist es genug, jetzt ist es  das Bild, das vor meinem geistigen Auge schwebte“.

Was der Betrachter in den auf diese Weise entstandenen Mustern zu erkennen vermag, ist mannigfaltig.

Sommerspuren: da der Werkprozess mit viel Wasser einhergeht, ist das Arbeiten nur im Sommer im Garten möglich. So tragen Connie Frieds Bilder das ganze Jahr über den Gedanken an den Sommer in sich.

Die Künstlerin ist übrigens unerbittlich, was die Benennung  ihrer Werke angeht. Sie verleiht keinem ihrer Gemälde Titel. Die Begründung der Künstlerin: sie möchte durch Titel keine Vorgaben machen, der Betrachter soll ganz auf sich gestellt sein sinnlich-geistiges Erleben vollziehen.

Kunst als sinnliches Ereignis erlebbar zu machen – ist das in Zeiten der medialen Überflutung noch möglich?  Ja, denn die Lebendigkeit dieser Arbeiten zeugt von lange andauernder gedanklicher Vorarbeit und von einem sorgfältigen Entstehungsprozess.

Das macht diese Bilder in unserer schnelllebigen Zeit bemerkenswert.

Ute Bößwetter am 11.11.20018 in der Galerie Villa Maria

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Einführungsrede zur Ausstellung von Prof. Horst Sauerbruch …am 16.09.2018

Wie anfangen?

So…wie anfangen?

Meine sehr verehrten Damen und Herren, lieber Horst, diese Frage ist natürlich Ausdruck meiner Verunsicherung hier vor so viel Leuten, aber sie ist auch der Titel meiner kleinen Einführung in die Arbeiten von Horst Sauerbruch.

„Wie anfangen?“ diese Frage stellt sich dem Maler Horst Sauerbruch wieder und wieder, jahrelang (so auch der Titel dieser Ausstellung), aber er kann nicht lassen vom Reiz des Anfangs. Auch und gerade weil es wieder so schwer wird.

Was macht den Anfang so schwer? Wenn ich mal von mir ausgehe, dann sind es vor allem die Erwartungen und Ansprüche, die sich wie ein unbezwingbarer Berg vor einem auftun. Horst Sauerbruch ist in eine besondere Melange solcher Erwartungen hineingeboren. Da ist dieser Name, durch den berühmten Großvater im Guten wie im Schwierigen aufgeladen. Und diese Ikone Ferdinand Sauerbruch hatte die höchsten Ansprüche, auch und vor allem an die eigenen Kinder. Besonders hat sein Sohn Hans darunter gelitten, Horst Sauerbruchs Vater, der sich dem vorgezeichneten Weg zum Mediziner verweigerte. Was ihm geholfen hat, seinen eigenen Anfang zu wagen, war die Malerei. Er wollte Maler werden und tat damit genau das, was der Vater unbedingt verhindern wollte. Denn das Malen ist eine halbscharige Gschicht, wie man in Bayern sagt: Die Scholle wird zwar mächtig angepflügt, aber mit dem Umsatz ist es halt immer schwierig.

So erlebte Horst Sauerbruch als Kind hautnah, dass wer vom Apfel der Kunst gebissen hat, allzu schnell aus dem Paradies des gepflegten Bürgertums vertrieben wird. Wenn man sich die Farben vom Mund absparen muss und zudem noch eine Familie zu versorgen hat, dann werden die Ansprüche übermächtig. Die permanente Angst zu versagen umzingelt den freien Anfang, der für ein Gelingen von Bildern so wichtig ist.

Es ist gewissermaßen typisch, dass sich im Schatten dieses Ringens mit den Erwartungen und Ansprüchen der Über-Ichs, der Väter, Bürger und Bilder, das im Atelier des Vaters ausgetragen wurde, ein Unfall ereignen muss, dessen Spätfolgen wir hier bewundern können.
Denn während die Eltern ihren aufreibenden Kampf mit dem Alltag kämpfen, lassen sie die Kinder für einen Moment aus den Augen. Hauptsache sie sind ruhig und spielen. Aber genau betrachtet ist gerade dieses ungewöhnlich stille Spielen am gefährlichsten. Denn ruckzuck werden mit dem Inhalt der Windel die großartigsten Wandbilder geschaffen.

Ob ein solcher Unfall stattgefunden hat, weiß ich nicht, aber Horst Sauerbruch hat mir von einem Schlüsselerlebnis berichtet, das eine ähnlich spielerische Lust in ihm geweckt hat, die seine Bilder bis heute trägt.
Er wollte wie der Vater malen, war fasziniert von Farben, von Linien und Flächen. Die mühsam aufgezogenen Leinwände waren natürlich tabu und für die nötigen Unterweisungen war es noch viel zu früh. Also gab ihm der Vater ein altes Brettchen, damit er endlich seine Ruhe hatte. Und nachdem er den altersgemäßen Pelikankasten verschmäht hatte, auch einen Rest roter Ölfarbe. Horst Sauerbruch nimmt das Brettchen, setzt den Pinsel darauf, verschiebt den zähen Farbbrei auf der rauen Oberfläche und zieht eine schlangenförmige Linie. Da war er schlagartig da, dieser lustvolle Impuls, den sein Vater nebenan vor der weißen Leinwand erzwingen wollte.

Das Faszinosum dieses Anfangs ist das Thema von Horst Sauerbruchs Bildern, die nicht zuletzt deshalb immer wieder auch auf billigen Pappen, Sägeabschnitten und Brettern entstehen.
Da ist ein Ding, eine Oberfläche, ein Material, das in einem unbeobachteten Moment seine festgefügte Form und Funktion verliert. Da ist Farbe, eine Substanz ähnlich einer Medizin. In der Flasche ist sie unscheinbar, aber in Fläche und Raum hat sie eine transzendierende Wirkung.

Und schließlich ist da der Körper mit seinen disparaten Kräften. Wir sind heute davon abgekommen, uns den Köper als Einheit, als Organismus, als eingegrenztes Volumen vorzustellen. Im Grunde ist der Körper so was wie unser Deutschland. Ein Konglomerat von vielen Individuen mit eigenen Zentren und Vergangenheiten, verbunden durch undurchsichtige Netzwerke und Interessen. Der Körper bildet und zersetzt sich zwischen Kräften, Reaktionen, Substanzen, Lüsten, Ängsten, Codes, Normierungen, Mutationen, Schwärmen ohne Innen und Außen. Er wird durchzogen von anderen Körperschaften, von Praktiken und Kulturen, von Geschichten und Befehlen. Der Körper ist wie ein Staat in Zeiten von Globalisierung und Pluralismus.

Der Körper ist ein Prozess, der sich in der Interaktion erst erfährt. Und die Interaktion im Atelier ist die zwischen dem unbeobachteten Brettchen, der Potenz der Farbe und all diesen Energien, die für einen Augenblick zur Geste werden.

Es ist ein Moment der Identität, den ein Bild im besten Fall erinnern kann. Er verflüchtigt sich gerade dann, sobald wieder identifiziert wird. So gesehen ist dieser Moment auch abstrakt in dem Sinn, dass er vor der Vergegenständlichung liegt.
Es ist der Moment, wenn der Neandertaler seine mit Farbe bestrichene Hand auf die Höhlenwand drückt und sich als gegenwärtigen Körper erfährt.

Wir wissen jetzt genauer, was diese widerstrebenden Kräfte sind, die den Anfang so schwer machen. Es sind die Verfestigungen, die falschen Identitäten, die festgehaltenen Bilder, die immer mehr werden und uns erdrücken. Ängste lösen diese Blockaden aus und es gibt nur wenig, was uns wieder in Schwung bringen kann.

Die Bilder von Horst Sauerbruch haben diese Kraft, weil er sich jedes Mal, wenn er selbst in die Blockade kommt, wieder an den spielerischen und lustvollen Moment erinnert, als das Brett zu seinem Bild wurde.
Es war ein Unfall, ein Zufall, der etwas in Bewegung gebracht hat. Die Kunst beginnt erst dann, wenn man weitermalt. Wenn man die Leichtigkeit wieder verliert, sich immer weiter verrennt in seine Bilder. Wenn es mehr und mehr Bilder werden, man sich wiederholt und selbst kopiert. Wenn immer mehr Ende und immer weniger Anfang zu spüren ist. So wird aus der einen Schlangenlinie ein Oeuvre, eine faszinierende vielgestaltige Geschichte.

Wenn sie offen an die hier gezeigten Bilder herantreten, werden sie diese Geschichte erfahren können, die letztlich noch immer aus der Schlangenlinie auf dem Brettchen fließt.

Besonders deutlich wird das bei den Zeichnungen, für die Horst Sauerbruch bevorzugt den Füller zum Einsatz bringt. Aus dem Fluss der Tinte entstehen mannigfaltige Notationen und Partituren. Der Vergleich mit der Musik ist besonders augenfällig. Man entdeckt rhythmisch sich wiederholende Punkte und Linien, Gitter geben den Motiven Halt wie ein basso continuo. Und dann gibt es wie Melodien fließende Linien. Oft wenn Professor Sauerbruch mit den Studenten unterwegs war und man eben auf den Bus warten musste, klappte er sein Skizzenbuch auf oder rollte einen Bogen Papier aus und begann eine dieser Notationen, die oft von Landschaften inspiriert sind, ohne diese abzubilden. Es geht ihm auch hier um den unbeaufsichtigten Moment, in dem sich Bilder am besten ereignen.

Auch bei den größeren Leinwandarbeiten stehen solche schriftartigen Notationen am Anfang, das „Schreiben von Bild“, wie es Horst Sauerbruch nennt. Sie zählen sozusagen das Bild an, geben ihm eine Struktur, ein Horizont, in den hinein sich die Farbe ereignen kann. Die Farbe ist auch eine Setzung, sie bildet auch einen Rhythmus, einen Duktus, aber sie hat ein besonderes Eigenleben. Sie tropft und rinnt, sie leuchtet oder tritt zurück, sie bildet Flächen und schafft atmosphärische Räume. Farbe ist immer auch ein Risiko und es bereitet Horst Sauerbruch eine besondere Lust, an die Grenzen zu gehen. Wie lange bleibet das Bild ein Bild? Wann stürzt es ab? Wann kann sich das Bild behaupten und der Künstler sich zurückziehen? Oft malt er an zehn Bildern gleichzeitig, lebt und leidet mit ihnen. Nach Phasen des intensiven Malens bricht der Fluss ab. Nichts gelingt mehr und das Malen an sich scheint keinen Sinn mehr zu machen.

Wie anfangen?

Wieder einmal steht Horst Sauerbruch vor der leeren Leinwand und zweifelt an sich, zweifelt an der Malerei, zweifelt am Bild. Und da sieht er aus den Augenwinkeln seinen damals noch kleinen Sohn Maximilian, wie er mit einem prall mit Farbe gefüllten Pinsel ein Stück Wellpappe berührt und mit unverschämter Lust einen langen schlangenförmigen Strich zieht.

Erinnern Sie sich in dieser wunderbaren Ausstellung zusammen mit Horst Sauerbruch an das Faszinosum des Anfangens, das einen überfallen können muss.

Gerhard Schebler – Bad Aibling 160918

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Einführung zur Ausstellungseröffnung „Fritz Harnest“ am 11. März 2018

Fritz Harnest:  Er zählte sich selbst zum „informel“, einer Bewegung nach 1945, aus Frankreich kommend, die den gewohnten starren Kunstformen das Fließende und Spontane entgegen setzte. Vor 19 Jahren ist er gestorben: Dazu passt  das Jubiläum nicht  mit starren 20, sondern eben mit den fließenden 19 Jahren. Also eine Jubiläumsausstellung!

Meiner Sympathie zu besonderen Schülern (für Lehrer grenzwertig) verdanke ich meine Begegnung mit dem Werk von Fritz Harnest. Die Sympathie ist (im vorliegenden Fall) nicht einseitig geblieben – und so wurde ich vor etwa 35 Jahren Gast im Hause Harnest. Und durfte seit dem immer wieder an Großvaters – und Vaters – Werk teilhaben.

Die Biografie, eine kunsthistorische Einordnung und Würdigung – damit kann und will ich in der knappen Zeit nicht dienen.

Fritz Harnest war zweifellos ein rundum gebildeter Humanist. Drei Aspekte spielen dabei in seinem Werk eine tragende Rolle:

  1. die Musik,

  2. die Natur,

  3. die Literatur.

  4. Fritz Harnest und die Musik:

Harnest war auch Pianist, spielte Hindemith und Schönberg – und verehrte Messiaen, den großen Klavier- und Orgelkomponisten.

„Anklingend an Messiaen“ von 1955 (Nr. 1 hier in der Ausstellung) Weitere Arbeiten dazu heißen z.B. „Zu Orgelimprovisationen von Messiaen“ und „Ausklingen“.

Vom Klang der Farbe – das war der Titel der Ausstellung 2007 in Prien.

Klang der Farbe: diesen Begriff  dürfte als erster Kandinsky in seiner Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ 1912  kreiert haben. Der summte beim Farbenmischen, um den richtigen Farb-Ton zu treffen. Fritz auch?

Der wichtigste Lehrer an der Münchner Akademie der Bildenden Künste ist  Karl Casper (1937 bei den „Entarteten“ im Haus der Kunst). Sein stärkster Impuls: klar leuchtende Farbflächen; „da geht es malerisch auch einmal großspurig zu“ (biografischen Bemerkung) – da wächst der eben 17 gewordene hinein.

Eine Art Paten sieht Harnest in einem anderen Farb-Künstler: Emil Nolde: 1934 Besuch – dann Briefwechsel bis 1937. Von Nolde bekommt er die kompetente Anerkennung:

„Kunst ist Kampf und Arbeit und Ringen. Wir freuen uns so, dass Sie arbeiten und es wissen, eine wie ernste Sache die Kunst ist und was sie alles von demjenigen verlangt, der ihr dienend ist …“ (Nolde 22.7.1937)

  1. Fritz Harnest und die Natur:

Nach der Ausbildung in München gibt es kurze Aufenthalte in Städten, z.B. in Berlin, Hamburg, Paris, wieder München: Harlaching: willkommene Motive findet er nahen Tierpark und im Isartal.

Ab 1938 lebt Fritz mit seiner Frau Mutz (Sängerin und Zeichnerin) in Übersee am Chiemsee bis zuletzt: 1999.

Naturthemen (die Farben!) bestimmen einen großen Teil des ganzen Werks. Hier:

„Gruppe violetter Triebe“ (Nr. 16 – 18), auch die „Fingrigen“ (Nr. 7, 8  und 13) gehören hierher, abgewandelt auch das Säulenthema mit den „Säulenbrüchen“ (Nr. 4 – 6): Wachstum – und Vergehen.

„Formen – Farben – Größen“ (der Titel der Ausstellung):  Dazu ein Zitat von 1974 (Katalog S. 26):

„Nach dem Bemühen um das Informel wollte ich aber die Farbe zusammenholen. Denn die Farbe ist eines, ein anderes ist die Form, das dritte die Größe, d.h. das Format. Die Größe ist einfache Lebensform, in der die Farbe zur Sprache kommt. Die große Form und die große Farbe drücken die Selbstverständlichkeit der Existenz aus – und das Bedürfnis geht weiter, ausdrückliche Formen der Existenz zu finden. Es geht darum, solche Flächen den Menschen hinzustellen, dass sie damit und darum herum leben wie mit einer Seite einer ‚Mit-Architektur.’“

  1. Fritz Harnest und die Literatur:

„Vorahnung zu Anakreon“ 1980 (Nr. 3): Wer ist Anakreon? Hofdichter bei Polykrates auf Samos (um 500 v. Chr.): Seine Poesie schildert Lebensfreude, Lust an Natur und Erotik   –  und  wurde wieder belebt im Rokoko: die „Anakreontik“. Und bei Goethe:  das Gedicht „Anakreons Grab“, von Hugo Wolf vertont, auch ein Titel bei Harnest.

Fritz Harnest – ein Universalgebildeter; er ist zeitlebens und immer am Lesen: Heine, Hölderlin, Nietzsche – und Goethe: er hinterlässt eine 20 Bände umfassende Werkausgabe, in zerlesenem Zustand! Schon im Gefangenenlager  in Moosburg (1940 – 45), wo er Französisch-Dolmetscher ist, fertigt er (heimlich?) Holzschnitte zu Goethes West-östlichem Diwan.

Zuletzt noch ein Hinweis auf den Holzschnitt „Und was ist alles Sein?“ von 1962 (Nr. 15 im Nebenraum). Episoden aus der Bibel und der griechischen Mythologie sind häufige Themen nach 1945. Fritz Harnest war – wie Goethe, Nietzsche, Casper, Nolde – zweifellos ein „Spiritueller“ (Noldes „Kreuzigung“ hängt bei den „Entarteten“!).

Dazu noch ein Wort vom Künstler selbst von 1974 (Katalog S. 30):

„Eine einzige Farbe allein kann für sich bestehen und ist allein und auf jeden Fall Ausdruck. Ich habe viel auf Rot gebaut, Rot ist die Farbe par excellence, sie ist so stark, dass man es einmal übelgenommen, nachgerade  als unsittlich getadelt hat, so viel Rot zu verwenden. Manchmal, wie gesagt, male ich Bilder nur mit Rot, weil es einen Ausdruck außer allem hat. Gar mit zwei Rots lässt sich Unbegrenztes sagen, von der Lieblichkeit bis zur Wut, von der Sinnlichkeit bis zur Heiligkeit.“

Horchen Sie hinein in die Bilder … auf den Klang der Farben!

In der Fritz-Harnest-Jubiläums-Ausstellung, die „die Wucht und die Kraft seiner Bilder in Erinnerung bringt“. (OVB  9.3.2018)

Alfred Rott am 11. März – Galerie Villa Maria in Bad Aibling

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Einführung zur Ausstellung Michael Dillmann – 21-01-18

Michael Dillmann ist nach 2014 zum zweiten Mal Gast in der Galerie.

Wer ist dieser Michael Dillmann?

Im Telegrammstil: er ist Mitte 50 – Malerei hat ihn von Kind an interessiert – mit 22 begann er dann sein Kunststudium und das bei einem berühmten: bei Rudi Tröger. Wer Trögers Bilder kennt, könnte meinen seine malerischen Überzeugungen  entdeckt man in Dillmanns Bilder wieder. Trögers Bilder sind  dem Leben zugewandte malerische Statements seiner Zeit – das entdeckt man auch in Dillmanns Bilder.

Rechnet man die Studienzeit mit ein, dann ist es ein 35 Jahre währendes Malerleben.

Der Titel dieser Ausstellung: Lichtblicke.

Ein passender Titel für eine Ausstellung zum Jahresanfang. Aber auch ein passender Titel für Dillmanns Bilder: sie spiegeln eine optimistische Grundstimmung – sie erinnern an Situationen, die man meint selbst erlebt zu haben. Situationen, an die man sich gerne erinnert. Damit lösen sie ein, was für mich ein wichtiges Kriterium für gute Bilder ist:

Gute Bilder sollen beim Betrachter Empfindungen auslösen, an selbst Erlebtes erinnern. Wenn das dann mit positiv besetzten Gefühlen verbunden ist, schaut man sie länger und zugewandter an – das ist menschlich.

Dillmans Bilder tun das.

Wie schafft er das?

Ausgangspunkt seiner Bilder sind Fotos.

Fotos aus dem Alltagsleben, eigene und veröffentlichte Fotos. Es sind Bilder die gelebten Alltag festhalten.

Aber wie kommt das Leben in diese Bilder?

Da ist zunächst die verwendete Farbmischung: Eitempera – eine in der Regel selbst gemischte Mischung aus Ei, Leinöl und Farbpigmenten, wie sie seit rund 400 Jahren verwendet wird. Es ermöglicht einen pastöse Auftrag, der eine Lichtbrechung erlaubt, die die Bilder erstrahlen lassen.

Hinzu kommt sein Malduktus: Dillmann malt gegenständlich. Aber er lässt sich durch die Gegenständlichkeit malerisch nicht einschränken, er stellt sie infrage, verwischt die Konturen und kommt so in der Darstellung der Realität ganz nah – man hat des Gefühl einer Momentaufnahme, so als währe man in der Situation dabei gewesen.

Geht man nah ran an seine Bilder hat man den Eindruck einer farblichen Abstraktion. Betrachtet man sie mit Abstand, wirken sie realitätsnah.

Ich wage eine kühne These: Dillmann malt, wie der berühmte Paul Klee das Wesen der Kunst definierte:

Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht die Wirklichkeit sichtbar. 

Legt man dieses These Klees zugrunde, dann kann man auch sagen: Erst Kunst konstituiert die Wirklichkeit. Jeder für sich und jeder für seine Wirklichkeit.

Der Blick auf die Welt, ist immer ein individueller Akt – jeder hat seine Sicht auf die Welt, die sich von der anderer unterscheidet.

Wenn zwei dasselbe sehen, muss das für beide nicht das Gleiche sein und schon gar nicht müssen sie das Gleiche empfinden.

Wie man die Welt wahrnimmt, ist von der eigenen Erfahrung geprägt. 

Und Leben ist nur durch Dialog möglich – ein Leben ohne Resonanz seines Gegenübers erlaubt kein Leben und auch kein Überleben.

Kommunikation ist Voraussetzung für Leben.

(Wie konstituiert sich unsere Sicht auf die Welt?

Es ist vor allem das, was unser Leben und unser Überleben sichert – die Sozialwissenschaftler sagen: die Reproduktion konstituiert unser Leben. Also  das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Gemeint ist was und wie wir es schaffen, damit wir leben und unser Leben sichern. Das prägt unser Leben und es prägt, was uns für unser Leben wichtig ist.

Es prägt auch welche Bilder, welche Kunst wir mögen und welche nicht. Das kann sich ändern, wenn sich das Sein ändert, wenn es uns nicht mehr so gut geht.

Jede Zeit generiert also ihre Bilder.

Künstler sind die Übersetzer für das, was man in den jeweiligen Zeiten für sich wahrnimmt und was einem wichtig ist.

Dillmanns Bilder spiegeln die Zeit in der wir aktuell leben, eine Zeit in der zufriedenstellendes Leben für viele möglich ist.

Keine Bedrohung durch Krieg, wirtschaftliche Sicherheit – zumindest in dem Teil der Welt, in dem wir leben.)

Dillmanns Bilder spiegeln (auch) dieses Leben.

Deshalb lösen seine Bilder Emotionen aus.

Die Ausstellung hat den Titel „Lichtblicke“. Es geht also um Momente, an die wir uns gerne erinnern. Das ist der Grund, warum seine Bilder einen Dialog mit den eigenen Wirklichkeiten ermöglichen. Ein Dialog in dem immer auch die eigene Geschichte steckt.

Das ist es, was gute Bilder erreichen können: die Chance zu generieren sich selber zu begegnen und mehr über sich zu erfahren.

Maler sind Türöffner die eigenen Wirklichkeiten besser kennen zu lernen.

Je tiefer Maler, Künstler unser aller Wirklichkeiten durchdringen, umso intensiver ist es ihnen möglich uns die eigenen Wirklichkeiten vor Augen zu führen und uns und das was wir wirklich wollen besser kennen zu lernen.

Dillmanns Bilder können das.

Ich wünsche Ihnen einen dialogreichen Vormittag mit sich. Wenn das im Gedränge einer Vernissage nicht so recht gelingen mag, wenn der Dialog mit den Bildern sich nicht einstellen will: sie haben bis zum 25. Februar Zeit das nachzuholen – die Bilder jedenfalls sind in diesen Räumen bis dahin gesprächsbereit.

Probieren sie’s – ich versichere Ihnen, wenn sie sich auf den Dialog einlassen, sie erfahren viel über sich. 

Noch eins: Wir bieten seit vergangenem Jahr zu den Ausstellungen Lesungen an – Renate Mayer wählt die Texte aus und präsentiert sie  – für Michael Dillmann hat sie Tanja Blixens Wintergeschichten ausgewählt. Die Lesung ist am 9. Februar – wer schon einmal dabei war kennt den Ablauf: eine Lesung, die die Bilder literarisch illustrieren, immer mit einer kleinen Pause, in der wir Fingerfood reichen –  ein vergnüglicher Abend inmitten dieser Bilder und kunstinteressierten Menschen – sie wären also unter sich.

Die Ausstellung ist eröffnet.

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Einführungsrede zur Ausstellung Christoph Drexler – 12-11-17

Oft werde ich gefragt: warum tust Du Dir das an mit der Galerie: d e r Aufwand, das zeitliche Engagement. Was ist Dein „Profit“ dabei?

Nicht einfach zu beantworten, auch wenn ich lange darüber nachdenke:

Eines ist es sicher nicht: Man wird nicht reich, Galerie ist kein gutes Geschäft.

Plus-Minus Null als Jahresbilanz ist eine gute Jahresbilanz – das Minus davor ist die Regel.

Also was ist es: Anerkennung, Schulterklopfen, das sicher auch.

Wichtiger ist, was ich in der Auseinandersetzung mit den Bildern und den Künstlern immer wieder erfahre: Wie sieht der Maler, die Malerin die Welt, die auch die meine ist? Was sehen sie, was ich nicht sehe?

Wie nehmen sie die Veränderungen wahr, die auch ich wahrnehme.

Denn das zeichnet gute Künstler aus: sie sind Seismographen für immer gleiche, aber auch für die sich wandelnden gesellschaftlichen Emotionalitäten – weniger schwülstig ausgedrückt: sie spüren, was Sie und mich bewegt…oft lange bevor wir es selber merken, dass sich das was verändert in der soziale Wahrnehmung.

In Bilder und Skulpturen umgesetzt unterscheidet dieses Gespür, diese Begabung die guten Bilder und Skulpturen von den weniger guten!

Kunst muss berühren.

Wir stellen hier hoffentlich immer nur die guten aus, also die Künstler, die Sie und mich berühren.

Christoph Drexler ist das vierte Mal Gast in dieser Galerie.

Drexlers Bilder berühren.

Warum?

Das, was er in und mit seinen Bildern abbildet ist etwas, was wir auch sehen.

Aber sie es sind radikale Reduzierungen auf das für ihn Notwendige, das für ihn Wichtige.

Moritz Holfelder, Kulturredakteur bei Bayern 2, hat in Drexlers Bilder Assoziationen zu seiner kindlichen Baukastenwelt erkannt: Häuser wie Bauklötze, geformten Landschaften wie im Sandkasten.

Als hätte sich Drexler den unverstellten Blick seiner Kindheit bewahrt – die Ruhe, die Klarheit, das Weglassen all dessen, was nicht wichtig ist, eben den unverstellten Blick.

Hier passt das berühmte Picasso-Zitat:

Als Kind ist jeder ein Künstler – die Schwierigkeit liegt darin sich als Erwachsener das zu bewahren!

Als ich mein Interesse auf diesen Aspekt richtete, habe ich verstanden, warum mich Drexler Bilder schon immer emotional ansprachen, warum er zum Kreis der Künstler gehört, die wir einladen alle drei bis fünf Jahre hier ihre neuen Arbeiten zu zeigen.

In der Ausstellung, die wir heute eröffnen zeigt er einige seiner „Baukastenbilder“: Spielzeughäuser, Spielzeugkräne in Sandkästen.

Für mich stehen sie symptomatisch für seine künstlerische Arbeit, deren Kern ich in dieser Reduktion der Realität sehe, das sich Zurückbesinnen auf die Klarheit des kindlichen Blicks.

(Auf eine Besonderheit möchte ich sie hinweisen: ein Bild, im mittleren Raum, ein Stillleben, 30 Jahre alt. Es wurde noch nie in einer Ausstellung gezeigt.

Es lässt erkennen wie früh Drexler seine malerische Handschrift fand und wie kontinuierlich er sie im Licht seiner neuen Bilder entwickelte, die er hier im Schwerpunkt zeigt. Sie wirken auf mich leichter, fröhlicher, lebenszugewandter als frühere Arbeiten – weniger melancholisch.

Was lösen diese Bilder beim Betrachten aus?

Drexler setzt die Welt bewusst und unmissverständlich zurück in die Zeit, wo jeder, sie und ich, begannen uns als Kinder ein Bild von der Welt zu machen. Folgen sie diesem Gedanken und sie werden die Emotion erfassen, die seine Bilder vermitteln können: ein sich Zurücksehnen in eine Welt, wo sie für jeden in Ordnung war, wo man sich bestätigt fühlte im eigenen Werden und Wachsen. Drexler lernt uns das, was uns täglich begegnet wieder in dieser Gefühlswelt wahrzunehmen.

Wieder den Blick zu haben, was für einen wichtig ist, wo man sich in seiner Wahrnehmung sicher ist.

Das ist die Qualität seiner Bilder.

Beim Nachdenken über diese Wirkung bin ich auf den in den Sozialwissenschaften wieder gern gebrauchten Begriff der _Resilienz_ gestoßen. Er beschreibt die Kraft, die in jedem steckt sich den Fragen und Krisen des erwachsenen Lebens offen und ohne Furcht stellen zu können, wenn man das Angenommensein in der Kindheit erfahren und erleben konnte. Das ist die Voraussetzung, die Basis für den Traum vom authentischen Leben.

Die Prägungen die wir als Kind erfahren, prägen unser Handeln, strukturieren unsere Entscheidungen als Erwachsene.

Der unverstellte Blick auf die Welt basierend auf eine solche Kindheitserfahrung tut gut: er beruhigt und mahnt das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.

Christoph Drexlers Bilder haben die Emotionalität für die Unverstelltheit dieser kindlichen Sicht.

Er übersetzt für uns die Welt, für die wir den unverstellten Blick vielleicht verloren haben.

Seine Bilder generieren Emotionalität – sie berühren, indem sie erinnern – jeden für sich und jeden in seinem Erlebten.

Ich bin überzeugt, dass das der Grund ist für Drexler’s Erfolg als Maler: von den rund 900 Öl-Bildern, die er in den 40 Jahren seit Beginn seines Studiums geschaffen hat, sind 700 verkauft, 80% seine Oevres. Eine beachtliche Zahl!

Ich ende, wo ich eingangs begann: Diese Auseinandersetzung mit Bildern ist mein persönlicher Profit, den ich aus dem Galeriearbeit ziehe. Keinen, den man in Geld messen kann.

Aber Bilder lehren mir meine Sicht auf die Welt immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Sie helfen mir neugierig, an der Welt interessiert zu bleiben.

Bilder halten jung im Kopf.

Sie sind Dialogpartner. Bilder sind geduldig und: Bilder sind zugewandte Dialogpartner – keine Widerrede, nur eigene Gedanken und ganz individuelle Erinnerungen und Schlussfolgerungen.

Drexlers Bilder sind für fünf Wochen Gast dieser Galerie – nutzen sie die Zeit – wieder kindliche Klarheiten für sich zu entdecken. Sie sind die Basis und die Strukturelemente für unsere Sicht auf die Welt und unsere Entscheidungen in dieser Welt.

Daß sich der Künstler und die Galerie freut, wenn Sie eines der Bilder als Dialogpartner entdecken und sichern wollen, das gebe ich offen zu.

In diesem Sinn wünsche ich Ihnen einen erinnerungsstarken Sonntagvormittag.